Wer das Aufblühen und die Entwicklung der Stadt Allenstein miterlebt hat, der wird mit Hochachtung und Verehrung unter den damals führenden Männern der Stadt besonders des Bürgermeisters Belian gedenken, der wie kein anderer berufen war, den Weg aufwärts zu ebnen und zubahnen. Am 10.10.1877 wurde er in sein Amt als Bürgermeister eingeführt. Oskar Belian, der am 27.10.1832 in Trautzig bei Allenstein geboren wurde, war von Beruf Landwirt und Besitzer der Güter Jodupönen und Szittkehmen bei Goldap. Als er in die Verwaltung Allensteins eintrat, stand er in der Fülle der Manneskraft. Allenstein war damals ein Landstädtchen von etwa 6.400 Einwohnern. Bei seinem Scheiden aus dem Amte zählte die Stadt über 30.000 Einwohner, und als man ihn zu Grabe trug, rund 40.000 Seelen. Die Grundlagen für das Aufblühender Stadt wurden unter der Verwaltung Belians gelegt. Für Allenstein war es ein Glück, daß in jener Epoche ein Mann an der Spitze stand, der mit umfassendem Organisationstalent eine unermüdliche Arbeitskraftverband und es verstand, die unter seiner Verwaltung stehende Gemeinde mit ruhiger und fester Hand sicher und ohne fühlbare Erschütterung vorwärts zu führen zu einer beim Amtsantritt wohl selbst nicht geahnten Höhe.

Das nachgeborene Geschlecht, dem es vergönnt ist, an dem Geschick der Stadt erfolgreich weiterzuarbeiten, gedenkt auch heute noch seiner in tiefster Dankbarkeit. Zwar waren schon einige Vorbedingungen für die Entwicklung der Stadt geschaffen; die Organisation des Schulwesens war erfolgt, die Errichtung des Gymnasiums war beschlossen und genehmigt, über die Errichtung des Landgerichts lagen Allenstein und Osterode in hartem Kampf. Noch im Frühjahr 1877 schrieb der Justizminister an den Präsidenten des Kgl. Ostpreußischen Tribunals zu Königsberg, daß die Entscheidung zugunsten von Osterode unvermeidlich wäre, da es dringend wünschenswert wäre, dem Kreise Löbau durch Anschluß an ein ostpreußisches Landgericht eine erträgliche Unterkunft zu verschaffen. Allenstein trug trotzdem in dem Ringen unter Belians Führung den Sieg davon, das Landgericht wurde in Allenstein errichtet. An der Verlegung der Garnison nach Allenstein, am Ausbau der Eisenbahnlinien nach den verschiedenen Richtungen und an der Bildung eines Eisenbahnknotenpunktes hat Belian in hervorragender Weise mitgearbeitet. Die Irren-, Heil- und Pflegeanstalt wurde auf Belians Betreiben nicht in Bartenstein, sondern in Kortau bei Allenstein erbaut. Unter seiner Verwaltung wurden das Schlachthaus, die Gasanstalt, das Wasserwerk und die Kanalisation in der Stadt gebaut.

Der Dank für die erfolgreiche Tätigkeit blieb nicht aus. Schon zu Lebzeiten fand er vielseitigen Ausdruck. Von allerhöchster Stelle wurden seine Verdienste anerkannt und gewürdigt durch Ordensverleihungen, durch Verleihung des Charakters als Geheimer Regierungsrat und durch die bereits am 12.10.1903 erfolgte Ernennung zum Oberbürgermeister. Die Stadt ehrte ihren ersten Verwaltungsbeamten, indem sie den im Herzen der Stadt am Hohen Tor gelegenen Platz aus Anlaß seiner 25jährigen Amtstätigkeit nach ihm benannte. Bei seinem Ausscheiden aus dem Amte am 31.10.1908 wurde er zum Ehrenbürger der Stadt ernannt. Das neue Rathaus ist in seiner Vorhalle mit seinem Bild geschmückt. Als Vertreter der Stadt soll Belian durch dieses Bild in der Geschichtefortleben, und den kommenden Geschlechtern soll die ehrwürdige Patriarchengestalt für alle Zeiten erhalten bleiben.

Belian war ein aufrechter Mann voll Kraft und Festigkeit; er war kein Leisetreter und Zaghafter, er war ein Fels in der Brandung der Zeit, um den sich die Bürgerschaft scharen konnte und an dem sie Halt und Führung hatte. Trotz vornehmer Gesinnung fand er zur rechten Zeit auch ein kräftiges Wort, das nie unbeachtet blieb.

Noch fast 10 Jahre war es ihm vergönnt, im Ruhestand zu leben. Da eilte am 24.3.1918 in den Morgenstunden die schmerzliche Kunde durch die Stadt, daß der ehrwürdige einstige Oberbürgermeister gestorben sei. Am 25. März, nachmittags 18 Uhr, versammelten sich die städtischen Körperschaften zu einer Trauerfeier. Das lebensgroße Bildnis des Verstorbenen war im Stadtverordneten-Sitzungssaal aufgestellt und mit Blattpflanzen und mit Lorbeerbäumen geschmückt worden. Oberbürgermeister Zülch und Stadtverordneten-Vorsteher Roensch sprachen als langjährige Mitarbeiter in der Stadtverwaltung dem Verstorbenen Dank und Anerkennung für die Verdienste aus, die sich der Heimgegangenein so großer Zahl um die Stadt erworben hatte.

Der Nachruf der städtischen Körperschaften lautete wie folgt: „Am 24. März d. J. ist nach einem an Arbeit und an Erfolg reichen Leben in seinem 86. Lebensjahr in die Ewigkeit abberufen worden Herr Geheimer Regierungsrat Oberbürgermeister a. D. Oskar Belian, Ehrenbürger der Stadt Allenstein, Ritter des Kronenordens 2. Klasse. Mit kraftvoller Hand hat er 31 Jahre die Geschickte unserer Stadt geleitet, und in der schnellen Entwicklung Allensteins aus der Kleinstadt zur modernen Mittelstadt durfte er den Erfolg der Arbeit seines Lebenssehen, dessen oberster Leitstern treue Pflichterfüllung war. Das Muster eines preußischen Beamten ist dahingegangen. Sein Andenken ist auf den Blättern der Geschichte unserer Stadt und in den Herzen ihrer Bürger eingetragen.

Allenstein, den 25. März 1918.
Der Magistrat: G. Zülch, Oberbürgermeister. – Die Stadtverordnetenversammlung: Roensch, Stadtverordnetenvorsteher“