Ein treuer Mitarbeiter des ersten Allensteiner Oberbürgermeister Belian war der Fabrikbesitzer Karl Roensch. Er war kein Allensteiner Kind, auch kein Ostpreuße, aber Allenstein ist ihm eine liebe zweite Heimat geworden, und er hat für die Stadt in uneigennütziger Weise gearbeitet wie kein Allensteiner Bürger vor ihm. Thüringen mit seinen lieblichen und waldreichen Bergen war seine Heimat. Zu Apolda wurde Roensch am 19. April 1859 geboren. Im Jahre 1885 machte er sich am 1. November in Allenstein ansässig und gründete in der Nähe des Bahnhofs die bis 1945 bestehende Maschinenfabrik und Eisengießerei. Bald machte sich Roensch im wirtschaftlichen Leben der Stadt bemerkbar, und schon im Januar 1890 wurde er Stadtverordneter. Bei seinen außerordentlichen Vorzügen als Mensch und Bürger war eine Wahl in weitere Ehrenämter unausbleiblich. Inder Stadtverordnetenversammlung betätigte sich Roensch in ganz hervorragender Weise, und am 22. Februar 1895 wurde er Stadtverordneten-Vorsteher.

Bei dem rapiden Wachstum der Stadt und den erhöhten Ansprüchen der Zeit mußte die Stadt bedacht sein, die sanitären Verhältnisse zubessern. Das Kanalisations- und Wasserleitungsprojekt kam zur Erörterung, und die Ausführung derselben wurde zur Notwendigkeit. Da galt es, Projekte zu beraten und Systeme zu prüfen. Karl Roensch arbeitete mit an führender Stelle. Als am 16. Dezember 1907 das Elektrizitätswerk und die Elektrische Straßenbahn eröffnet wurden, erhielt Roensch beidem Festmahl vom Vertreter der Staatsregierung für seine Verdienste um den Bau den Roten Adlerorden vierter Klasse überreicht. Die große Gewerbeausstellung, die im Jahre 1910 auf dem Gelände in Jakobsberg stattfand, war hauptsächlich ein Werk von Roensch. In seinen Händen liefen alle Fäden während der Vorbereitungsarbeiten zusammen.

Bereits in den achtziger Jahren war unter den Gewerbetreibenden der Stadt Allenstein und der Nachbarkreise der Wunsch laut geworden, in Allenstein für den südlichen Teil der Provinz Ostpreußen eine Handelskammer zu errichten. Fabrikbesitzer Roensch war es, der immer wieder in der Öffentlichkeit auf die Notwendigkeit hinwies und der nicht ruhte, bis endlich im Jahre 1909 diese eröffnet werden konnte. Zum Dank für seineuneigennützige Arbeit wurde er beider Eröffnung am 26. August 1809 einstimmig durch Zuruf zum Präsidentender Kammer gewählt. Bis zu seinem Tode blieb er Präsident. Sein Name ist mit der Geschichte der Handelskammer Allenstein unauslöschlich verbunden.

Bei einer Reihe von Vereinen und Körperschaften des Bezirks und der Provinz war Roensch Mitarbeiter anleitender Stelle. Sein Leben hatte er auf Arbeit eingestellt und vor allem auf Arbeit im allgemeinen Interesse. Auch für die Armen und Ärmsten der Stadt zeigte Karl Roensch stets einwarmes Mitempfinden. Sie waren in allen Angelegenheiten seiner Fürsprache bei den zuständigen Stellensicher. Wo es galt, Bedrängten zu helfen, Witwen und Waisen zu schützen, Schmerzen zu lindern, Tränen zu trocknen, da war er auf dem Plan und übte praktisches Christentum. Ein stahlharter Wille paarte sich bei ihm mit einem Herzen zart und weich. Seine Familie war sein Glück und seine Gattin sein Edelstein. Nach 25jähriger Tätigkeit in der Stadtverordneten-Versammlung und20jähriger Arbeit als Vorsteher der Versammlung ernannten ihn die städtischen Körperschaften am 1. Januar 1915 zum Ehrenbürger der Stadt. Die höchste Ehre, die die städtischen Vertretungen zu vergeben haben, wurde ihm dadurch zuteil als Lohn für seine hervorragenden Verdienste um die Stadt.

Als nach dem Ersten Weltkrieg und der Revolution Neuwahlen für die Stadtverordneten-Versammlung angeordnet und durchgeführt wurden, gab Karl Roensch die Absicht kund, nicht wieder zu kandidieren. So trat ein Mann aus der ehrenamtlichen Tätigkeit Allensteins aus, der der Stadt 28 Jahre in hervorragender Weisegedient und an dem Aufblühen und Wachsen der Stadt mit klarem Blick, mit Entschlußkraft und Tatfreudigkeit mitgearbeitet hatte wie kaum einer. Bei der letzten Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung am 27. Februar 1919 fehlte Roensch aus gesundheitlichen Gründen. Um das Andenken ihres langjährigen Vorstehers zu ehren und zu erhalten, ließen die Stadtverordneten sein Bild in Lebensgröße von Gebel-Elbing malen und stifteten es für den Stadtverordnetensaal.

Im Spätfrühling 1921 begab sich Karl Roensch nach Bad Kissingen zur Kur und erhoffte Stärkung seiner Gesundheit. Da lief am 16. Juni die Trauerkunde ein, daß Roensch dort im Alter von 62 Jahren an Herzschlag gestorben sei. Am 17. Juni fand eine außerordentliche Stadtverordneten-Versammlung statt. Das Bild des dahingeschiedenen Ehrenbürgers war mit Trauerflor umhüllt. Stadtverordneten-Vorsteher Funk und Oberbürgermeister Zülch hielten Ansprachen. Der Nachruf der Stadt lautete: „Am16. Juni 1921 ist der langjährige Vorsteher der Stadtverordneten-Versammlung, Herr Handelskammerpräsident Karl Roensch, Ehrenbürger der Stadt Allenstein, Ritter hoher Orden, in Kissingen in seinem 62. Lebensjahr in die Ewigkeit abberufen worden. Einem Leben, reich an Mühe und Arbeit, aber auch reich an Erfolg, hatte der Tod ein Ende gesetzt. Fast ein Menschenalter hindurch hat der Verewigte als Stadtverordneter und dann als Stadtverordneten-Vorsteher seine ungewöhnliche Tatkraft, seinreiches Wissen und Können der Stadt gewidmet, die ihm Heimat geworden war und an der er mit der ganzen Liebe seines Herzens hing. Die schnelle Entwicklung Allensteins von der Kleinstadt zur modernen Mittelstadt ist undenkbar ohne die Persönlichkeit von Karl Roensch. Er war das Muster eines Bürgers, der unbekümmert um die Meinung des Tages und ohne Rücksicht nach unten und oben in dem selbstlosen Dienste für seine Stadt das Glück seines Lebens suchte und fand. Sein Name ist inder Geschichte der Stadt Allenstein und in den Herzen ihrer dankbaren Bürger eingetragen. Allenstein, den 17. Juni 1921. Der Magistrat: Georg Zülch, Oberbürgermeister. Die Stadtverordneten-Versammlung: Funk, Stadtverordneten-Vorsteher. “

Fern von seiner Heimat war Roensch entschlafen. Seine Einäscherung fand in Meiningen statt, an der Oberbürgermeister Zülch und Stadtverordneten-Vorsteher Funk als Vertreter der Stadt teilnahmen. Die sterblichen Überreste Roenschs wurden auf dem alten evangelischen Friedhof still und traurig im Beisein einer kleinen trauernden Freundesgemeinschaft in die Erde gesenkt. Sein Gedächtnis lebt in uns fort!