Hans-Jürgen Wischnewski

Hans-Jürgen Wischnewski

Schon am Abend des 24. Februar 2005 erfuhr die Öffentlichkeit, dass der bekannte Politiker und ehemalige Bundesminister Hans-Jürgen Wischnewski 82-jährig am Nachmittag in der Kölner Universitätsklinik verstorben sei. Politiker aller demokratischen Parteien setzten in ihren Nachrufen dem Menschen mit einer bewunderungswürdigen politischen Tatkraft, Hans-Jürgen Wischnewski, ein berechtigtes ehrendes Denkmal. Die Allensteiner dürfen auf diesen großen Sohn ihrer Vaterstadt ebenfalls stolz sein. Am 24. Juli 1922 wurde Hans-Jürgen Wischnewski in Allenstein geboren. Historische Merkwürdigkeit ist, dass der Vater als Zollbeamter von Gelsenkirchen nach Allenstein versetzt worden war. Es scheint eine geheimnisvolle historische Affinität zwischen Allenstein und Gelsenkirchen zu geben: Gelsenkirchen und Allenstein/Olsztyn – Stadt einer Patenschaft und zur gegenwärtigen Zeit Partnerstädte, wie die „Vereinbarung zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit“ vom 18. September 2004 es dokumentiert.

Hans-Jürgen Wischnewski erlebte die ersten fünf Jahre seiner Kindheit in seiner ostpreußischen Geburtsstadt. Im Jahre 1927 musste die Familie nach Berlin übersiedeln. Dort besuchte der Knabe die Volksschule und der Heranwachsende das Gymnasium. Er konnte noch – allerdings bereits während des Krieges – im März 1941 am Theodor-Körner-Realgymnasium in Berlin sein Abitur machen. Doch danach wurde er – wie nahezu alle 18-Jährigen und 19-Jährigen in jenen Tagen – zunächst zum „Arbeitsdienst“ und dann zur Wehrmacht eingezogen. Der junge Soldat wurde schon früh zur Ostfront abkommandiert. In einem Gespräch im „Bayerischen Rundfunk“ aus dem Jahre 2002 erzählte er von seinem Erlebten: „Ich bin damals bis zum Kaukasus gekommen, und wenn ich heute von den Auseinandersetzungen dort lese, dann muss ich immer daran denken, dass ich dort überall bereits gewesen bin.“

Gegen Ende des Krieges wurde Hans-Jürgen Wischnewski Oberleutnant bei den Panzergrenadieren und damit blutjung zu einem verantwortlichen Kompaniechef. Bei Kriegsende geriet er in amerikanische Gefangenschaft. Nach einer kurzen Zeit dort wurde er nach Niederbayern verschlagen. Dort war er zunächst Metallarbeiter. Dabei wurde sein politisches Interesse früh geweckt: als 36 Mitglied der Gewerkschaft IG Metall und seit August 1946 als Mitglied der SPD. Eine Ausbildung zum Gewerkschaftssekretär begann er 1952; dadurch kam er nach Köln. Somit wurde Köln seine neue Heimat, der er bis zu seinem Tode treu geblieben ist. Als er 1957 Vorsitzender der Kölner SPD wurde, war der politische Weg vorgezeichnet. Im Jahre 1957 – noch in der Adenauer-Ära – wurde er Mitglied des Deutschen Bundestages. Bis zu seinem Abschied 1990 blieb er dann bei vielen Fragen und Problemen 33 Jahre bewegender Abgeordneter in dem legislativen Gremium unserer demokratischen Staatsordnung. Zahlreiche Aufgaben und Positionen übernahm er verantwortlich und war anerkannter politischer Sachkenner in vielen Bereichen.

In den Ländern des „Nahen Ostens“ und in Algerien konnte er sich in gefährlichen und dramatischen Konfliktfällen eine anerkennende Autorität erwerben; vielen bedeutenden Persönlichkeiten im Ausland wurde er dadurch sogar zum Freund. Unter seinem liebevoll gemeinten Spitznamen „Ben Wisch“ war er in der Welt fast bekannter als mit seinem Namen Hans-Jürgen Wischnewski. Seine größte menschliche und politische Leistung vollbrachte er jedoch, als er mit Hilfe der „GSG-9“ unter dem Kommando des Oberst Wegener die Geiseln aus der von Terroristen entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“ im Oktober 1977 im somalischen Mogadischu befreien konnte. In dem bereits erwähnten Interview erzählte Hans-Jürgen Wischnewski von diesen dramatischen Minuten der Erstürmung in einer überzeugenden tiefen Weise, die fern ist von dem zuweilen nichtssagenden Geplapper vieler Politiker: „Als der Sturm dann aber begann, bin ich in eine Ecke gegangen, in der mich niemand sehen konnte, und habe gebetet.“

Über sein Leben bestimmende erzieherische Kräfte hat Hans-Jürgen Wischnewski selbst berichtet: „Mein Elternhaus war preußisch-protestantisch. In der Nazi-Zeit war meine Mutter in der ,Bekennenden Kirche‘ aktiv. Zum Jahresprogramm gehörte aber auch jedes Jahr der Besuch in Sanssouci bei Friedrich dem Großen. Wir waren also schon eine ausgeprägt preußische Familie. Wobei die Preußen natürlich nicht nur Schlechtes taten, sondern auch sehr viel Gutes geleistet haben. Sie waren großzügig bei der Aufnahme von Fremden, wenn man zum Beispiel an die Hugenotten denkt, Namen wie de Maizière oder andere. Das hat das Leben in unserer Familie in sehr starkem Maße bestimmt, und in dieser Hinsicht bin ich auch erzogen worden. Ich hatte ein politisches Elternhaus, das freilich preußisch geprägt war. Ich wollte damals ins ,Jungvolk‘ eintreten, aber mein Vater hat gesagt, dass das überhaupt nicht in Frage käme. Später musste ich aber eintreten; denn das ist dann ja zur Staatsjugend geworden. Ich mache auch gar kein Hehl daraus, dass es sogar Spaß gemacht hat. Darauf haben sich die Nazis tatsächlich verstanden: Wir machten Fahrten, hatten Zeltlager usw. Welcher junge Mensch macht das nicht gerne, wie ich ganz offen sagen muss? Das hat mir jedenfalls gefallen, und es wäre unredlich, wenn ich sagen 37 würde, dass das ganz schrecklich gewesen wäre. Ich bin aber auch jeden Sonntag zum Kindergottesdienst gegangen; denn meine Familie war ja auch sehr protestantisch.“ In Fülle könnten lobende und ehrende Worte, die wir nach dem Ableben von „Ben-Wisch“ gelesen und in Deutschland und in der Welt gehört haben, zitiert werden. Auch Ehrungen und Verleihungen könnten die Wertschätzung hervorheben. Vielleicht wird aber die Erinnerung lebendiger erhalten, wenn nur einige bedeutende Auszeichnungen genannt werden. Im Jahre 1999 wurde Hans-Jürgen Wischnewski Ehrenbürger der Stadt Bethlehem. Und Georg Hermanowski – auch ein Allensteiner – hat in seinem „Ostpreußen-Lexikon“, das in der ersten Auflage im Adam Kraft Verlag Mannheim 1980 erschienen ist, in dem letzten Satz des lexikalischen Artikels über Hans-Jürgen Wischnewski in bewundernswürdiger Weise geschrieben: „Nachdrücklich bekennt er sich zu dem preußischen Grundsatz „Ich diene“.

Von Hans-Jürgen Wischnewskis Publikationen sollte genannt werden: „Reden über das eigene Land: Deutschland“, München 1989, Bertelsmann-Verlag.

Beigesetzt wurde Hans-Jürgen Wischnewski auf dem Kölner Melaten- Friedhof an der Seite seiner Frau Gika.