Mit der Eroberung des Preußenlandes war das Hospitalwesen durch den Deutschen Orden eingeführt worden. Es war die Sorge um Arme und Kranke, die nach den Städtegründungen im 14. Jahrhundert dort zur Einrichtung von Hospitälern unter dem Patronat des jeweiligen Bischofs geführt hatte. So auch in Allenstein das Bürgerhospital zum Heiligen Geist und das Leprosenstift für Aussätzige, später für Kranke und Sieche, hier allerdings unter dem Patronat des Domkapitels. Wie aus den Visitationsberichten hervorgeht, stand es später unter dem Patronat des Rates der Stadt.

Marien-Hospital in Allenstein

Marien-Hospital in Allenstein

 

Über die frühe Zeit fehlen jedoch Gründungsurkunden wie auch andere Nachrichten, so dass erst seit Mitte des 16. Jahrhunderts durch die Einführung der Generalvisitationen Näheres über dieses Spital zu erfahren ist. Es bestand bis 1871 und gilt als Vorgänger des Marienhospitals. Im Jahre 1857 bildete sich ein Komitee mit 14 Mitgliedern unter dem Vorsitz des Apothekenbesitzers J.B. Oster zur Errichtung eines Marienhospitals. Oster war schon vorher in vielen Bereichen des städtischen Lebensaktiv tätig (seine Frau stand dem katholischen Frauenverein vor) und wurde nach dem Tod des unbesoldeten Beigeordneten Hermanowski, dem Stellvertreter des Bürgermeisters, 1858 zu seinem Nachfolger gewählt. Das neue Hospital sollte kranke und altersschwache Personen und zur Erziehung arme Waisenkinder aufnehmen und Korporationsrechte erhalten. Denn die Einrichtung eines neuen Krankenhauses war dringend geworden, da das Heiliggeist-Hospital und Leprosorium kaum mehr in der Lage waren, Kranke, Arme und Sieche aufzunehmen und durchzubringen. Zu jener Zeitwaren darin je 10 Männer und Frauenuntergebracht, die Stipendien des Domkapitels waren unzureichend, die Stadt musste, weil es sich um die Versorgung städtischer Bürger handelte, Zuschüsse gewähren. Hinzukam der Unterhalt für die drei nicht mit ansteckenden Krankheiten behafteten Stadtarmen im Leprosorium und die Pflege der aus der Cholerazeit stammenden Waisenkinder.

Während das Heiliggeist-Hospital an der Richtstraße lag – mit gleichnamiger Kirche und Friedhof noch innerhalb der alten Stadtmauer, vor der Niedertorbrücke (der späteren Johannis-Brücke) –, bezog man als Übergangslösung ein in der Nähe der Kirche gelegenes Haus, das der Gutsbesitzer Adolf Hipler gekauft und der Stadtverwaltung zur Verfügung gestellt hatte, um den bestehenden Unzulänglichkeiten zunächst einmal ab zu helfen. Drei Vincentinerinnen aus Posen begannen am 7. Dezember 1858 dort ihre Tätigkeit.

Ein Vermächtnis des emeritierten Pfarrers Sommerfeld von 600 Talern im Jahre darauf, dazu Sammlungen und Spenden für das Hospital erbrachten ein Kapital von 11.000 Talern. So konnte 1860 ein Bauplatz von 10 Morgen von der Witwe des Gutsbesitzers Blockhagen für 350 Taler erworben werden. Bereits 1862 waren die Entwürfe für den Neubau vom Kölner Architekten V. Statz fertig gestellt. Die Verhandlungen mit dem Domkapitel wegen der Vereinigung von Heiliggeist-Hospital und Leprosorium mit dem Marienhospital begannen 1863, konnten jedoch erst 1870 beendet werden.

Die feierliche Grundsteinlegung fand 1864 statt. Ein Jahr später war ein Teil des Hauses unter Dach und Fach, aber das Kapital war damit auch verbraucht. So begnügte man sich mit der Fertigstellung der einen Hälfte des Baues. Schwestern und Kranke zogen am 15. Oktober 1867 ein, im Dezember kamen auch die Kranken aus dem Leprosorium dahin. Zum Weiterbau der anderen Hälfte des Hausesbedurfte es eines Darlehns des Bischofs (4.000 Taler), das gedeckt werden sollte nach der vollzogenen Vereinigung der beiden Hospitäler mit dem neuen Marienhospital, durch Verkauf der Liegenschaften des alten Heiliggeist-Hospitals und Leprosoriums, ferner durch Vermächtnisse, Sammlungen und Geschenke. Diese Klausel war der Anlass für einen Zwist zwischen Magistrat und Bischof, der die Liegenschaften von Heiliggeist und Leprosorium zur Ablösung der Schulden veräußern wollte, wogegen der Magistrat protestierte mit der Begründung, er hätte die alten Gerechtsame bei beiden Stiftungen nicht aufgegeben. Gestützt auf ein Schreiben des Domkapitels, erwiderte der Bischof hingegen, dass der Magistrat seine bedingten und beschränkten Rechte durch Nichterfüllung seiner Verpflichtungen verloren habe. Das wiederum ließ den Magistrat bei der Regierung in Königsberg vorstellig werden, um seine vermeintlichen Rechte durchzusetzen.

Unterdessen waren die Liegenschaften jedoch 1872 und 1873 verkauft worden an den Gastwirt Otto Grunenberg, Schuhmachermeister Franz Lukowski, Schneidermeister Teichert und Schmiedemeister Gromelski. So zog sich die Angelegenheit jahrelang hin. Die Regierung genehmigte schließlich am 4. April 1877 die vollzogene Vereinigung der Stiftungen und ordnete die nachträgliche Einholung der staatlichen Genehmigung für die verkauften Grundstücke an. Das St. Marienhospital (verkürzt auch Marien-Krankenhaus genannt) an der Warschauer Straße (später in Straße der SA umbenannt), war Eigentum der katholischen Kirchengemeinde St. Jacobi. Es wurde ursprünglich von einem der ortsansässigen Ärzte geleitet; für die Zeit von etwa der Wende zum 20. Jahrh. bis 1917 waren der Sanitäts- und Stadtrat Dr. med. Dobczinsky als „dirigierender“, von 1919 bis 1937 Dr. med. Schneider, danach Dr. med. Höner als Chefarzt des Hauses tätig, von denen besonders Dr. Schneider in den 18 Jahren seiner Arbeit im Hause nicht allein seines Könnens, sondern auch der herausragenden menschlichen Eigenschaften wegen bei seinen Patienten besonders im Gedächtnis geblieben ist. Er war gebürtiger Oberschlesier, studierte in Berlin und war, bevor er nach Allenstein kam, vier Jahre am dortigen St.-Hedwig-Krankenhaus tätig gewesen.

Das Pflegepersonal bestand nach 1922 aus katholischen Ordensschwestern, nämlich den aus Braunsberg kommenden Katharinen. Mit der Zunahme der Bevölkerung wuchs auch die Anzahl der Patienten, so dass in den Jahren 1926 und 1929 bedeutende bauliche Erweiterungen sowie apparative Modernisierungen vorgenommen wurden. 1935 kam der Bau eines Isolierhauses für Infektionskrankheiten hinzu.

Im Krankenhaus arbeiteten 3 Chirurgen,2 Internisten, Fachärzte für Augen-, Hals-Nasen-Ohren-, Nerven-, sowie Haut- und Geschlechtskrankheiten, in der Verwaltung und Krankenpflege 33 Ordensschwestern, 14 freie und 34 Lernschwestern. Abgesehen von der Privatklinik Dr. Lotzin, dem Standortlazarett und dem 1938 neu erbauten (evangelischen) Hindenburg-Krankenhaus war es mit seiner Entbindungsanstalt und seinen 350 Betten das größte Krankenhaus für die Stadt und das Umland und hat bis zum 21. Januar 1945 segensreich wirken können.

Von Ernst Vogelsang