Vom Stadtbrand 1657 fast völlig vernichtet – Im Jahre 1769 in U-förmiger Anlage erbaut

Allensteins Altes RathausDas Schadenfeuer, von dem das Allensteiner Alte Rathaus vor einiger Zeit heimgesucht wurde, veranlasst uns, einmal einen Blick auf seine Geschichte zu werfen. Ob das Rathaus in seiner jetzigen Verfassung dasselbe ist, das in den Jahren 1623 und 1624 errichtet wurde, lässt sich heute schwerlich sagen. Wahrscheinlich sind nur noch die unteren Umfassungsmauern aus jener Zeit. Feststeht jedenfalls, dass ein Teil, und zwar der, in dem sich die Stadtbücherei befindet, gänzlich neu hinzu gebaut worden ist. Die Turmfront, die jetzt den Flammen teilweise zum Opfer fiel, dürfte der älteste Teil sein. Er muss in den Obergeschossen schon mehrmals abgebrannt sein. Wünsch berichtet in seinem Buch über die Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Allenstein, dass beim Stadtbrand 1657 das Rathaus größeren Schaden erlitten hatte. Da nach Aufzeichnungen das Domkapitel der Stadt ein halbes Schock Fichten zum Wiederaufbau zur Verfügung stellte, muss man annehmen, dass der Dachstuhl, genau wie jetzt, weg gebrannt ist. Hundert Jahre später, 1760, stellte man fest, dass der Vordergiebel „zur ruin merklich neige“. Aber erst nach sechs Jahren wurde das Rathaus einergründlichen Wiederherstellung unterworfen, die sich nach den erhaltenen Nachrichten von einem Neubau wenig unterschied.

Diese Erneuerung wurde stark in eigener Regie ausgeführt. Das Bauholz kam aus den Wäldern am Langsee und bei Jomendorf, die Ziegel und Dachpfannen wurden in der Stadt selbst gebrannt, die Bürger (nach Wünsch die scharwerkpflichtigen Büdner) mussten die alten Mauern niederreißen und anderes mehr.

Immerhin aber hat dieser Bau mancherlei Schmuck volles an sich gehabt, da ja die Rathausbauten zu jeder Zeit bevorzugte Bauten im Stadtbilde waren. So hatte man im alten Rathausbau den Fensterbeschlägen mancherlei Sorgfalt zuteil werden lassen. Der Allensteiner Kleinschmied Jakob Kober befasste sich damit. Der Landmesser entwarf „zweikaffeebraune Oefen“ für den Saal und die Ratsstube im damals neu errichteten Rathaus. Ihre Herstellung wurde indes nach Elbing vergeben. Aber die Eindeckung des gesamten Baues beließ man dem Handwerk der Stadt. Erst als der Allensteiner Kupferschmied mit dieser Arbeit nicht fertig wurde, vergab man auch ihre Ausführung nach außerhalb, und Neidenburg blieb der Verdienst, diese Arbeiten beendet zu haben.

Das beginnende 19. Jahrhundert sah ein ganz unerwartetes Geschick für den Rathausbau vor. Denn als das im Jahre 1823 in Allenstein vereinigte Domänenjustizamt mit dem Stadtgericht sich nach auskömmlichen Räumen umtat, entschloss man sich, hierfür die Baulichkeiten des Rathauses zur Verfügung zu stellen. Magistratsbüro, Polizeigefängnis und Bürgerwachtlokal, die neben einer Amtswohnung des Stadtsekretärs im Rathause untergebracht waren, wurden einfach in entsprechende Räume des Allensteiner Brauhauses verlegt und das alte Rathaus damit für eine Dauer von 50 Jahren dem Justizfiskusvermietet, und zwar gegen den Preis von 25 Klaftern Brennholz. Schließlich nahm die Stadt das Rathaus wieder in eigene Regie. In den90er Jahren wurde noch einmaltüchtig daran gebaut. Der Quergiebel, der durch das jetzige Feuer so gut wie vollends vernichtet worden ist, erhielt die uns allen vor dem Brande so lieb und vertraut anmutende bekannte Gestaltung. Das Gericht war in seine eigenräumlichen Bauten an der Ecke der Kleeberger Straße eingezogen, als am Alten Rathaus schließlich ein dritter Flügel entstand und der Hof damit jene U-förmige Anlage erhielt, die ihm bis in unsere Tage hinein erhalten geblieben ist.

Versteht sich, dass auch der gesamte Marktplatz um das Rathaus herum stets und ständig vielerlei Veränderungen unterworfen war. Ein Brunnen, der auf ihm anzutreffen war, wurde hierbei zugeschüttet, der Platzselbst erhielt schon frühzeitig eine Pflasterung, die Hakenbuden am Rathaus wurden abgebrochen, Brauhaus und andere Laubenhäuser am Marktgaben ihm das charakteristische Gepräge, und als dann die Zeit kam, in der unter Bürgermeister Belian eingroßartiges Programm einsetzte, das die immer nur noch wenig mehr als 10.000 Einwohner zählende Stadt auf eine neue Bevölkerungszunahme ausrichtete, da reichten die Räume im Rathaus am Markt naturgemäß bald überhaupt nicht mehr aus. Die Möglichkeiten für einen großzügigen Neubau wurden geschaffen, „unhaltbare Zustände“, wie Professor Dr. Bonk u. a. aus dieser Zeit schreibt, wurden damit einem Ende nahe geführt. Zwar fanden am 13. November1880 und anschließend noch immer wieder große Magistratssitzungen, Tagungen und alle Amtsvorgänge verwaltungsgemäßen Stiles im Rathaus am Alten Markt statt, aber mit dem 31. Oktober 1912 kam dann doch der Tag, an dem die Grundsteinlegung zum gegenwärtigen Rathausneubau die Verwendungsziele des alten Rathauses beschränkte. Kaufmännische und gewerbliche Unterrichtsräume machten sich in ihm breit. Der in den Jahren 1927/28 ausgeführte Neuanbau nahm die Musterbücherei für den Regierungsbezirk Allenstein auf, die Verwendung der Räume hiernach ist uns allen in so gutem Gedächtnis, dass man nur mit Trauer heute um die Trümmer einer Stätte erfüllt ist, die so viel alte Geschichte Allensteins erlebt hat.

Beim Brande am 15. Januar wollen Feinhörige mitten aus dem Flammenmeer heraus noch einmal die alte Turmglocke haben läuten hören. Das lässt uns noch einen kurzen Blick auch auf den Turm des Allensteiner Alten Rathauses tun. Als man in Allenstein Haus um Haus eine Fuhre Steine anfahren musste, um – etwa im Jahre 1769 – die Straßen rings um das Rathaus zu pflastern, da entstand er. Es wurde wegen der Rathausglocke ein „kunsterfahrener Baumeister procurieret“, der die Rathaustreppe oben unter dem Dach, wie es in der Geschichte dieser Zeit heißt, einzurichten hatte. Doch schon im Jahre 1821 wurde dieser Turm, weil er inzwischen bereits wieder baufällig geworden war, gründlich durchrepariert, und wenn er dabei jene alten Schlagglocken erhielt, diebis in unsere Tage hinein ihren Platzhoch oben im stummen Turme bewahrten, so interessiert es uns vielleicht zu hören, dass beide Glocken um 1687 gegossen wurden. Sie haben je eine Kopf- und eine Halsinschrift. Die Inschrift der großen, beidem jetzigen Brande gesprungenen Glocke, die immerhin bei einer Höhe von 44 cm und einem unteren Durchmesser von 86 cm eine für ihre Zeit recht beachtliche Größe hatte, lautet: „SANCTE JACOBE ORA PRONOBIS HEILIGER JACOBUM ANNODI 1687“. Die kleinere Glocke trägt die Inschrift: „GLORIA IN EXCELSISDEO“, und wenn wir sie auch nur ganz selten einmal schlagen gehört haben, man hätte diesen stummberedten Zeugen aus Allensteins Jahrhunderte alten Geschichte doch ein anderes Geschick gewünscht, als dass sie zu unserer Zeit noch einmal im Feuer des Turmes, die sie trug, ihr Ende finden würden. Gerettet wurde die alte Wetterfahne mit der Jahreszahl 1768, die wieder auf einem neuen Turm Verwendung finden wird.

Uns allen aber bleibt Allensteins „Kleines Rathaus“ lieb um seiner Vergangenheit willen.